Österreich am Bodensee. Mächtige und Mindermächtige im Alten Reich

Österreich am Bodensee. Mächtige und Mindermächtige im Alten Reich

Veranstalter
Arbeitsgemeinschaft geschichtliche Landeskunde am Oberrhein, Verein für die Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, Hegau-Geschichtsverein (Stadt Stockach)
Ausrichter
Stadt Stockach
Gefördert durch
Landkreis Konstanz
PLZ
78333
Ort
Stockach
Land
Deutschland
Findet statt
In Präsenz
Vom - Bis
14.03.2025 - 15.03.2025
Deadline
17.03.2024
Von
Konrad Krimm und Johannes Waldschütz

Vorderösterreich gilt als Ausnahmefall. Die dortige Herrschaft der Habsburger war fragmentiert, klassische Herrschaftsbildung kompliziert. Die Tagung strebt am Beispiel des Bodenseegebiets einen verflechtungsgeschichtlichen Perspektivwechsel an: Nicht die Herrschaftsbildung, -ausweitung und -verfestigung der Territorialmacht Österreich, sondern die differenzierten Beziehungen zwischen größeren und kleineren Herrschaften in der longue durée des Alten Reiches sollen im Fokus der Tagung stehen.

Österreich am Bodensee. Mächtige und Mindermächtige im Alten Reich

Vorderösterreich als „Ausnahmefall“, als territorium non clausum und als „Schwanzfeder des Kaiserreichs“ hat seit Jahrzehnten wachsendes Interesse in der Geschichtswissenschaft gefunden. Nach den landeskundlichen Publikationen von Otto Stolz und Friedrich Metz, die nicht ohne politische Motivation entstanden waren, haben seit den 1980er-Jahren bedeutende Tagungen und Ausstellungen sowie insbesondere die Arbeiten von Franz Quarthal und Dieter Speck zur Herrschafts- und Verwaltungsgeschichte immer neue Facetten im bunten Bild der österreichischen Präsenz im Südwesten des Reichs gezeichnet. Parallel dazu hat das DFG-Projekt zur Rekonstruktion der Überlieferung vorderösterreichischer Zentralbehörden vor allem in den Staatsarchiven in Augsburg, Stuttgart und Karlsruhe ein Quellenfundament präsentiert, das seinesgleichen sucht.

Sieht man sich diese zur eigenen „Landschaft“ gewordene Forschung näher an, wird man zwar immer auch Überblicksarbeiten finden, die sich der Gesamtproblematik dieser „Semiterritorialiltät“ (Dietmar Schiersner), den Splitterterritorien im Westen der österreichischen Machtsphäre widmen. Verständlicherweise haben aber die habsburgischen Besitzkomplexe, die den herkömmlichen Vorstellungen von Territorium am nächsten kamen, die größte Aufmerksamkeit gefunden – zuletzt etwa die Markgrafschaft Burgau, aber auch Vorarlberg oder der vorderösterreichische Breisgau als Teil der alten Verwaltungseinheit Sundgau, Elsaß, Breisgau und Schwarzwald. Über Regierungsinstitutionen wie in Ensisheim und Freiburg oder temporäre Residenzbildung wie in Freiburg und Günzburg ließen sich diese Varianzformen alteuropäischer Herrschaft am besten erfassen, umso leichter, als seit der theresianischen Verwaltungsreform nach 1750 Zentralbehörden für ganz Vorderösterreich zuständig wurden und das massenhaft gewordene Schriftgut den Eindruck eines konzentrierten, aufgeklärten Verwaltungshandelns vermittelte.

Für den Raum zwischen diesen Zentren am Oberrhein und in Bayerisch-Schwaben, das Gebiet zwischen Schwarzwald, Hochrhein, Bodensee und oberer Donau bzw. Schwäbischer Alb sind diese Strukturen schwieriger zu beschreiben, da hier österreichisches Territorium mit dem vieler anderer Reichsstände kleinformatig verflochten war. Die Verwaltungsreform von 1753 hat für den österreichischen Besitz in dieser Region das Oberamt Stockach eingerichtet, damit die geografische Kompetenz der alten Landgrafschaft Nellenburg wesentlich erweitert und die Vorstellung flächiger österreichischer Herrschaft gegen Ende des Alten Reichs zumindest begünstigt. Die Herrschaften Mindermächtiger – Grafen, Reichsritterschaft, Reichsstädte, Reichsabteien und nicht zuletzt das Hochstift Konstanz – konnten sich jedoch vorher wie nachher behaupten, auch wenn von einer „Unabhängigkeit“ von Österreich wohl nie die Rede sein konnte; lediglich die Eidgenossen vermochten es, auf habsburgische Kosten zu expandieren und tatsächliche Trennlinien zu ziehen. Der komplizierte Rechts- und Wirtschaftsalltag in einer solchen auf vielfältige Weise verflochtenen Landschaft verschiedenster Autoritäten kommt dabei allerdings der alteuropäischen Realität von engeren und weiteren Handlungsspielräumen, von Bindungen und Freiheiten, von Kooperation aber auch Konflikten näher, als wenn man Maßstäbe vormoderner Staatlichkeit anlegt. Zu Recht hat Franz Quarthal deshalb vor der Vorstellung einer einheitlichen „österreichischen“ Politik gegenüber den kleineren Reichsständen im Südwesten gewarnt, da sich die Haltung der kaiserlichen keineswegs immer mit der der Innsbrucker Regierung deckte, die bis 1753 für die Vorlande östlich des Schwarzwalds direkt zuständig war. Exemplarisch lässt sich dies bereits unter Kaiser Friedrich III. im Kompetenzstreit der Landgerichte, des Hofgerichts Rottweil und des kaiserlichen Kammergerichts nachvollziehen. Zugleich waren die divergierenden Strategien der kleineren Territorien gegenüber Österreich von politischen Entwicklungen, wirtschaftlichen Interessen und deren Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur geprägt.

Es lohnt sich, diese komplizierten Strukturen für das Spätmittelalter und die frühe Neuzeit beispielhaft für die Bodenseeregion zu beschreiben. Wichtig scheint dabei der Perspektivenwechsel: Nicht die Herrschaftsbildung, -ausweitung und -verfestigung der Territorialmacht Österreich soll das Leitthema sein, sondern die differenzierten Beziehungen zwischen größeren und kleineren Herrschaften in der longue durée des Alten Reiches, in ihrer Beharrung und ihrem Wandel. Hilfsbegriffe wie Patronage und Klientel, formelle und informelle Herrschaft, Konkurrenz und Abhängigkeit, höfische Attraktion und genossenschaftliche Abgrenzung können dabei ein Stück weit greifen, andere wie „Machtvakuum“ oder „Herrschaftsferne“ eines Raums sind zu überprüfen. Erst die ganz unterschiedlichen Erwartungen einer Reichsstadt, einer Reichsabtei oder eines Grafenhauses an die nahe habsburgische Verwaltung oder den fernen Kaiser sowie deren Interaktionen und Kommunikation ergeben zusammen Konturen eines realistischen Bildes. Natürlich wechselten dabei auch auf österreichischer Seite Zeiten der Beharrung, der Passivität oder der Dynamik; das Selbstverständnis und die Handlungsspielräume der Innsbrucker Regierung verdienen gerade für die lange Zeit vor 1753 neues Interesse. Mit Recht fragt Christoph Paulus, ob nicht die „vermeintlich herrschaftsferneren ‚Intervalle‘ historisch interessanter, da typischer“ seien.

Eine Tagung in Stockach am 14/15. März 2025 soll diesem Themenkomplex interdisziplinär und grenzüberschreitend nachgehen. Sie wird veranstaltet von der Arbeitsgemeinschaft für geschichtliche Landeskunde am Oberrhein, dem Verein für die Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, dem Hegau-Geschichtsverein, der Stadt Stockach und weiteren Partnern in der Region. Die Fachtagung, die sich zugleich an ein breiteres Publikum wendet, ist öffentlich, die Teilnahme kostenlos. Die Tagungsergebnisse werden als Band der Oberrheinischen Studien (Verlag Thorbecke) veröffentlicht und nach einer Moving Wall von drei Jahren zum Open Access freigegeben.

Gesucht werden Beiträge für 30-minütige Vorträge. Bitte senden Sie dazu ein kurzes Abstract und einen kurzen Lebenslauf bis zum 17.3.2024 an krimm@ag-landeskunde-oberrhein.de oder johannes.waldschuetz@gmail.com. Angenommene Referate werden mit 150 € honoriert, die Reise- und Übernachtungskosten übernommen.

Alle Auskünfte Arbeitsgemeinschaft für geschichtliche Landeskunde am Oberrhein, Nördl. Hildapromenade 3 (Generallandesarchiv), 776133 Karlsruhe, Teil. 0049 721/926-4932

Kontakt

krimm@ag-landeskunde-oberrhein.de oder johannes.waldschuetz@gmail.com.
Alle Auskünfte Arbeitsgemeinschaft für geschichtliche Landeskunde am Oberrhein, Nördl. Hildapromenade 3 (Generallandesarchiv), 776133 Karlsruhe, Teil. 0049 721/926-4932